高銀
KO ŬN
- MODERNE KOREANISCHE LYRIK -

Hanin hoebo [Berlin], Mai 1996, pp. 28-31 (© Frank Hoffmann)

    
    1

    
    Infantiler Ŭnt'ae*
    
    
    In der Welt
    unter den Menschen
    kann er's kaum ertragen, wie ein sich immer nur schämendes Kind.
    Wenn die Hundstage überstanden sind,
    Sturm und Gewitterschauer mit einem Schlag einsetzen,
    gerade zu solchen Zeiten findet er wieder ins Leben zurück.
    Wenn knackend Kiefernzweige brechen,
    der Götterbaum mitsamt Wurzeln ausgerissen wird,
    gerade zu solchen Zeiten findet er wieder ins Leben zurück.
    Alle Scham völlig abgeschüttelt
    erglüht sein erkalteter Körper ganz wunderbar zu neuem Leben.
    Wenn sein Körper sich wie ein Bogen im Wind biegt,
    auf den Berggipfeln Kieselsteine umhersausen,
    gerade zu solchen Zeiten findet er wieder ins Leben zurück.
    Seine Augen strahlen, auf dem Nasenrücken kommen Schweißperlen hervor,
    so er ist wieder auferstanden.
    Anfangs halb verrückt
    rennt er wie toll,
    rennt mit dem Sturmwind wie toll
    
    zum Ende
    zum Anfang des Lebens.
    
    
    _________________
    * Geburtsname Ko Ŭns
    
    
    
    
    2
    
    Der Onkel Sahaeng
    
    
    Auf dem Bewässerungssee von Mije
    ein einziger Mensch nur --
    der hünenhafte Onkel Sahaeng
    holt eine Angelleine zum Boot ein.
    Ch'il-sŏng, der Sohn des Alten, ist ans Ufer herangelaufen.
    Es ist zu weit entfernt und selbst gebrüllt wär's aussichtslos:
    Vater, Vater, Mutter ist gestorben, mit offenen Augen gestorben.
    
    Zwei Menschen sind auf ewig getrennt. Die Wellen kräuseln sich.
    
    
    
    
    3
    
    Nach dem Dauerregen
    
    
    Der Bach angeschwollen,
    ein Zipfel des Feldes weggeschwemmt,
    und diesmal sogar
    ist ein Reisfeld ganz vom Wasser überspült.
    Das Reisfeld verwüstet!
    Der Eigner Ko Myŏng-sik
    steht da mit verschränkten Armen.
    Zwar nicht gänzlich übergeschnappt,
    weiß er doch nichts anderes zu tun,
    weiß weder ein noch aus und steht nur so da.
    Strafe
    für
    den Unschuldigen!
    Im Himmel -- niemand und nichts.
    
    
    
    
    4
    
    Laute des Nachtregens
    
    
    Es regnet.
    Tropfen für Tropfen spalten die Bahnen des Regens
    tausend- und zehntausendfach den schwarzen Lack der Nacht.
    Für gewöhnlich in solchen Nächten
    sind Vögel wie Vieh beunruhigt
    und wachen offenen Augs.
    Auch Strandvögel und Schnepfen
    verbringen diese Nacht geradeso wie das Meer
    weit aufgerissenen Augs.
    Der Schauer hört auf.
    Noch ist des Menschen Gehör vom Getrippel des Regens ertaubt.
    Vögel und Vieh schlummern ein.
    Auch die von ihnen beherrschte Nacht entschwindet.
    Draußen im Garten ist schließlich auch auf den Blättern der Morgenlilie
    das Tröpfeln ganz verstummt.
    Von einem höheren Standpunkt aus:
    Die sogenannte Arbeit der Natur ist Tatenlosigkeit.
    
    
    
    
    5
    
    Am Tag nach der Ahnenkultfeier
    
    
    Schnee!
    Auf heimatliche Fluren,
    die nun kahlen Äcker,
    fällt Schnee.
    Ich erinnere mich an Vater --
    wann immer es schneite, fühlte er
    diese stechenden Schmerzen über den Augenhölen.
    Jetzt
    vom Grab am Hügel hinter dem Dorf
    hat man eine schöne Aussicht
    auf jene ferner liegenden herbstlichen Berge und Felder.
    Auch ich,
    ohne mich recht zu bedenken,
    hatte nun eine ganze Weile mit Vater vereint diesen Ausblick.
    
    
    
    
    6
    
    Tiefe Nacht
    
    
    Tausendmal, zehntausendmal finsterste Mitternacht,
    allein lamentiert sie vor sich hin --
    da springt eine Blütenknospe auf.
    Daneben
    eine rote Blume, blüht in völliger Stummheit.
    
    
    
    
    7
    
    Nordwärts ziehende Blütennachricht
    
    
    Zum Lied wird, wer auch immer da stirbt in unserem Lande.
    Wieder geboren
    Wieder geboren
    sind zu Blumen wir verwandelt.
    Vom südlichsten Stück Land im ultramarienen Meer,
    aus dem Garten der Dorfschule auf Mara* kommt die Kunde:
    Die Blütenknospen springen.
    Nordwärts
    nordwärts
    anschwellende Blütenpracht
    bis nach Namyang, unserer kalten Heimat am Tumen-Fluß,
    bis nach Yongjŏng** in Nord-Kando, jenseits vom Fluß
    -- selbst hinauf bis nach Sibirien.
    Wenn alle Knospen springen,
    welch Wehklage ist's an diesem Tag im ganzen Lande.
    In unserem Lande
    sterben und verwandelt sein zu einem Lied,
    dem traurigen Lied,
    das tief in meinem Herzen zu einem Menschen wird.
    Wieder geboren
    wieder geboren
    ist unser Vaterland dreitausend li weit von Blüten übersät.
    
    
    _________________
    * südlichste Insel Koreas
    ** Yongjŏng (chin. Longjing), war in der ersten Hälfte 
    unseres Jahrhunderts das kulturelle und politische Zentrum der 
    koreanischen Minorität in der Mandschurei.
    
    
    
    
    8
    
    Eines Tages
    
    
    schütteln die Toten ihre Häupter,
              zurückgerufen durch einen ereignisreichen Tag.
    Blume, du erblühst!
    So lebst du wie die Koryŏ-Gesellen.
    Diese Lebensfreude
              dieses Jammerlebens
                      läßt dich erblühen!
    Blume
          du Blume
    
    
    
    
    
    9  [Chanson]
    
    Herbstbrief
    
    
    Im Herbst werd' ich einen Brief schreiben.
    Wer du auch sein magst, bitte empfange ihn.
    Schon häuft sich's Laub überall.
    Einsame Frau, du bist schön.
    
    Im Herbst werd' ich einen Brief schreiben.
    Wer du auch sein magst, bitte empfange ihn.
    Schon wirbelt's Laub umher überall.
    Umherschlendernde Frau, du bist schön.
    
    Im Herbst werd' ich einen Brief schreiben.
    Mein ganzes grübelndes Herz send' ich dir.
    Schon verweht's Laub überall.
    Fremde Frau, du bist schön.
    
    
    
    
    10  [Chanson]
    
    Kleines Schifflein
    
    
    Ein Schifflein war da.
    Ein kleines Schifflein war da.
    Solch ein kleines Schifflein war da.
    
    Ein Schifflein war da.
    Ein kleines Schifflein war da.
    Solch ein kleines Schifflein war da.
    
    Mit dem kleinen Schifflein
    kann man nicht wegfahren.
    Weit kann man nicht wegfahren.
    Allzuweit kann man nicht wegfahren.
    
    Mit dem kleinen Schifflein
    kann man nicht wegfahren.
    Weit kann man nicht wegfahren.
    Allzuweit kann man nicht wegfahren.
    
    
    
    
    
    Nachbemerkung
    
    Ko Ŭn (sein eigentlicher Name ist Ko Ŭn-t'ae) wurde 1933 in der Provinz
    Nord-Chŏlla im Südwesten Koreas als erster Sohn einer Bauernfamilie
    geboren. Für das Schreiben kann Ko sich schon als zehnjähriger Primarschüler
    begeistern. Den Ausbruch des Koreakriegs (1950-1953) erlebt er in der letzten 
    Klasse der Mittelschule. 1952, noch während des Krieges, entscheidet er sich 
    für ein Leben als buddhistischer Mönch. In der von ihm und einem befreundeten 
    Mönch 1957 gegründeten Pulgyo sinmun [Buddhistische Zeitung] veröffentlichte er 
    seine ersten Artikel und Gedichte. Nach der Studentenrevolution vom April 1960 
    und dem Sturz der folgenden Chang-Regierung durch den coup d'État des 
    (buddhistischen) Brigadegenerals Park Chung Hee gab Ko 1962 das Mönchsleben 
    aus Protest über die politische Haltung und innere Organisation der buddhistischen 
    Orden auf. Im Jahre 1963 übersiedelte er auf die Insel Cheju, um hier eine 
    kleine Schule für Kinder mittelloser Familien zu gründen. Er selbst lebte 
    zu dieser Zeit von der finanziellen Unterstützung eines engen Freundes. Auf
    Cheju-do entwickelt Ko sich zum chronischen Trinker und unternimmt mehrere 
    Suizidversuche. Vier Jahre später geht er in die Hauptstadt Seoul, wo er 1969 
    das erste mal sein eigenes Geld als Mitherausgeber einer kleinen Zeitschrift 
    verdient, muß aber noch im selben Jahr diese Arbeit aufgrund von Alkoholproblemen 
    aufgeben. Er widmet sich von hier an ausschließlich dem Schreiben und erntet
    zusehens Erfolg. In Zusammenhang mit der Gründung einer Vereinigung für das
    Recht der freien Meinungsäußerung von Literaten wird er 1974 erstmals zu
    einer Haftstrafe verurteilt; weitere Gefängnisaufenthalte folgen in 
    regelmäßigen Abständen (zuletzt 1989 für die Aufnahme von Kontakten zu 
    nordkoreanischen Schriftstellerkollegen). 1975 bekommt er zudem ein einjähriges
    Publikationsverbot auferlegt. Im folgenden Jahr organisiert Ko ein Kommittee zur 
    Rettung des zum Tode verurteilten Dichters Kim Chi-ha und nimmt aktiv am 
    Arbeitskampf teil. 1980 gründet er eine Arbeiter-Abendschule in Seoul; neuere
    Gedichte werden mit Publikationsverbot belegt. Als fast Fünfzigjähriger
    heiratet Ko Ŭn 1983 Yi Sang-hwa; im selben Jahr erscheinen auch seine 
    zweibändigen Gesammelten Gedichte im renommierten Verlag Minŭmsa.
         Inzwischen liegen über 80 von Ko verfaßte und edierte Bücher 
    vor. Die New York Times beschrieb ihn vor einigen Jahren als "dissident poet" und 
    "first-class craftsman" -- ein erfolgreicher Dissident war und ist Ko zweifellos, 
    ob allerdings auch ein erstklassiger Lyriker, darüber bestehen bei Literatur-
    kritikern Zweifel. Ko selbst betont dagegen, daß er versuche Alltagssprache 
    in seine Literatur einfließen zu lassen. Von Studenten und Intellektuellen 
    wird Ko Ŭn aber vor allem wegen seines sozialen und politischen Engagements 
    viel gelesen. Einige seiner Liedtexte, z.B. Herbstbrief oder Kleines Schifflein, 
    wurden von so bekannten Chansonniers wie Kim Min-gi und Cho Tong-jin gesungen und 
    waren während der 70er und 80er Jahre wahrhafte Dauerbrenner. 
         Nachdem Ko sich schon 1974 als Hobby-Historiker betätigt hatte und in der 
    Tageszeitung Han'guk ilbo eine Essay-Serie über den koreanischen anti-japanischen
    Kampf in der südlichen Mandschurei publiziert hatte, sind seine gegenwärtigen 
    Aktivitäten ganz auf die Historiendichtung konzentriert: So edierte Ko 1987 eine 
    Anthologie koreanischer Historiendichtung (betitelt Minjok siga) und gab zwischen 
    1987 und 1994 sieben Bände seines epischen Gedichtes Paektu-san heraus, das den 
    koreanischen Unabhängigkeitskampf in der Mandschurei von 1900 bis 1940 
    heroisiert. 
    											
            Übersetzungen aus dem Koreanischen und Nachbemerkung: Frank Hoffmann
    
    
   

       PHOTO:  Ko Ŭn with Frank Hoffmann, 1986 at the poet's home

     Ko Un with Frank Hoffmann

 

 

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